Der innere Schweinehund

Ich mag Tiere.
Nicht alle zwar, so kann ich mich für Schnecken und Schlangen nicht besonders erwärmen, und Stechmücken zum Beispiel murkse ich ab, wo sie mir begegnen.
Dagegen rette ich Wespen, die sich in meine Küche verirrt haben, Bienen erst recht.
Ich mag Kühe, weil sie mit ihren großen, dunklen Augen so nett ausschauen und ich ihre Wimpern so hübsch finde.
Ich liebe meinen Kater Felix, und ein besonders inniges Verhältnis habe ich zu meinem inneren Schweinehund.
Er gehört zu der Spezies der in Bayern beheimateten, eierlegenden Wollmilchsau und ist mal klein wie ein Floh, andermal groß wie ein Elefant. Darüber hinaus weist er eine erkleckliche Zahl von Charaktereigenschaften auf, allerdings nur negative. So ist er unter anderem faul, gefräßig, verlogen, heimtückisch und mißgünstig. Allerdings ist er auch wahnsinnig klug, was die Auswirkung der eben aufgezählten Adjektive noch verstärkt. Außerdem ist er ein dialektischer Rabulist, was das Leben mit ihm besonders kompliziert macht, zumal dieses Viech sehr anhänglich ist und den ganzen Tag nicht von meiner Seite weicht.
Das fängt morgens bereits an. Ich will aufstehen, ER sagt: “Bleib liegen, es ist so schön warm und mollig hier, arbeiten kannst du auch später noch.” Und damit ist die erste Grundsatzdiskussion bereits in vollem Gange.
Ich bin dabei, eine Scheibe Knäckebrot mit Frischkäse zu bestreichen, ER sagt: “Mensch, geh zum Bäcker und hol ein frisches Croissant, schmeckt doch viel besser. Vor allem mit dick Butter und Marmelade bestrichen.”
Ich sitze am Schreibtisch und arbeite an einer Werbekonzeption als ER sagt: “Wozu hast du denn die Zeitung abonniert? Schau doch mal, was auf der Welt so los ist.”
Und so geht’s dann den ganzen Tag weiter.
Ich bin dabei, den vermaledeiten Text zu verfassen, auf den ein Kunde dringend wartet, und ER sagt: “Ruf Ute an, mit der kannst du doch so schöne, stundenlange Gespräche führen, über Männer und andere Unwichtigkeiten.”
Ich bin im Begriff joggen zu gehen, ER sagt: “Bist du wahnsinnig? Schau mal, wie’s draußen schifft!”
Die nette Frau an der Supermarktkasse gibt mir auf hundert Mark raus, ich habe ihr aber nur fünfzig gegeben und will sie gerade darauf aufmerksam machen, als ER sagt: “Du bist wohl bekloppt?!”
Mein Freund Markus fragt, ob ich ihm am kommenden Wochenende beim Umzug helfen kann. ER, der Umzüge haßt, sagt gar nichts, sondern tippt sich nur an die Stirn. Dafür sage ich dann zu Markus: “Würde ich gern, kann aber leider nicht, hab einen üblen Hexenschuß seit gestern.”
Bei strömendem Regen steht ein Anhalter am Straßenrand. Ich will gerade auf die Bremse treten, als ER sagt: “Was meinst du wohl, wie der Autositz anschließend aussieht, du bist schließlich kein philanthropisches Institut!”
Das Telefon klingelt. Ich schiele auf das Display, meine Freundin Ingeborg ist dran. Ich will gerade abheben, als ER sagt: “Mach gefälligst den Anrufbeantworter an, ich kann das ewige Gesülze über ihren Macker nicht mehr hören!”
Der italienische Kellner fragt, wie’s mit einem Grappa wär. Ich will gerade dankend ablehnen, weil ich bestimmt schon mehr als 0,5 Promille intus habe, als ER meint: “So ein kleines Gläschen Grappa macht den Kohl auch nicht fett!”
Ich will schlafen gehen, weil ich morgen sehr früh aufstehen muß, weil ich einen wichtigen Termin habe. ER sagt: “Guck mal, da kommt ein Film mit Robert Redford. Den Termin kannst du doch verschieben.”
Wenn ich anfange mit IHM zu diskutieren, ziehe ich immer den kürzeren, weil ER mich mit seinen Argumenten einfach in Grund und Boden redet. Und wenn ich drohe, ihn ins Tierheim abzuschieben, sagt ER: “Innere Schweinehunde gibt’s wie Sand am Meer. Im Tierheim lachen sie sich kaputt, wenn du mit mir ankommst. Also, vergiß es!”
Während er das sagt, zieht ein listiges Lächeln über sein Gesicht.
Gefunden bei www.renateblaes.de
Vor vielen Jahren hat eine Astrologin Ihr orakelt, dass sie Bücher schreiben würde.
Damals, ungläubige Blicke und der Gedanke, naja, was die Frau so daher redet…Und heute gibt es sieben Bücher von Renate Blaes auf dem Markt.

Einfach klasse. Ich habe herzlich gelacht und mich eins zu eins in dieser gelungenen Kurzgeschichte wieder gesehen
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