Vanillekipferl heute ganz anders
„Es ist ja nur eine Kleinigkeit“, seufze ich und drücke Tante Herta das Päckchen in die Hand. Sie schüttelt den Kopf. Das Paket raschelt in ihren Händen.
„Aber wir wollten uns doch nichts schenken.“
Jetzt drehe auch ich meinen Kopf von der einen zur anderen Seite. „Richtig, aber die Kinder wollten dir unbedingt eine kleine Überraschung bereiten. Du weißt ja, wie sie sind.“ Ich nehme mich zusammen. Wenn alles gut geht, ist es heute das letzte Mal. Das letzte Mal ihre Monologe, das letzte Mal ihre theatralische Stimme. Das letzte Mal Tante Herta. Das letzte Mal zusammenreissen, um nicht jähzornig ihre Biedermeierwohnung mit den Porzellanengeln zu zertrümmern und in einen wüsten Schreikrampf auszubrechen.
Ich gebe mir alle Mühe und lächle Tante Herta an, als sei jetzt mitten an diesem trüben 24. Dezember der Sommer zurückgekehrt.
Das Päcken wird auf den Küchentisch gelegt.
Tante Herta wischt sich ihre Hände an der Schürze ab, nimmt das Geschenk genauer unter die Lupe. Und ich weiss, was gleich folgt. Deshalb lächele ich noch stärker, bis meine Gesichtsmuskeln rebellieren.
„Ich weiss nicht, aber früher waren die Geschenke einfach liebevoller“, murmelt sie, mehr zu sich selber als zu mir. Mein Kopf rührt sich nicht von der Stelle. Selbst dann nicht, als Tante Herta ihren Erkennungssatz von sich gibt: „Früher waren Weihnachten einfach noch richtige Weihnachten. Nicht so ein Konsumrausch wie heute.“
Aha, kommentiere ich in meinem Kopf zynisch, früher war es schöner, besser, welche Erkenntnis. Hätte ich nicht gedacht. Ich lasse Tante Herta reden. Ihr ins Wort zu fahren, kann tödlich sein. Und wer will schon wenige Stunden vor der Bescherung ins hartgefrorene Wintergras beissen? Bei diesem Gedanken muss ich schon fast wieder schmunzeln.
Endlich öffnet Tante Herta das Geschenk. Aber sie lässt sich Zeit. Wie in der Zeitlupenaufzeichnung bei der Sportschau zieht sie den Bändel von der Schachtel, natürlich ohne Schere, um dann das mit Sternen bedruckte Papier vorsichtig zu öffnen, langsam zieht sie die Klebebänder ab. Ich atme tief durch und denke in der Zwischenzeit an meinen Christbaum, der noch nicht geschmückt, den Braten, die Kinder und an all die tausend anderen Dinge, an die man als Hausfrau am 24. Dezember zu denken hat. Aber vor allem denke ich an die Millionen. An das Testament und dass wir nächsten Sommer nicht mehr auf die Balearen, sondern in die Karibik fliegen. Fünf Wochen im Luxushotel und ich im Guccibikini.
Tante Herta beäugt den Inhalt kritisch, lässt ihre Augen über die Kekse wandern. „Haben die Kinder selber gebacken“, erkläre ich nochmals mit Nachdruck.
„Zimtsterne!“, zischt sie so angewidert, dass mir das Herz stehen bleibt. „Ich kann Zimtsterne nicht ausstehen! Der Arzt hat sie mir verboten.“ Meine Mundwinkel knallen nach unten, als hätte jemand hundert Zentner Blei daran gehängt
„Du magst keine Zimtsterne? Aber letztes Jahr…“ Tränen schiessen mir in die Augen. Ich sehe meinen raffinierten Plan ins Meer hinaustreiben. Dabei habe ich mir doch alles so gut überlegt. Der schlichte Stein mit dem Kreuz und der Endzahl „24.12.“ hat sich blitzartig in Luft aufgelöst.
„Aber Schätzchen. Letztes Jahr ist letztes Jahr. Mein Arzt hat mir gesagt, dass ich auf…“
In meinen Innern beginnt es zu kochen. Warum nur Zimtsterne? Sie hatte Zimtsterne doch immer über alles geliebt.
„Aber die Vanillekipferl schmecken dir bestimmt“, fahre ich ihr hastig ins Wort.
Sie blickt mich erstaunt an. Ein merkwürdiges Blitzen in ihren Augen.
„Vanillekipferl? Ja, die Vanillekipferl. Damals, vor dem Krieg, da haben wir immer Kiloweise Vanillekipferl gebacken. Das war immer eine Arbeit. Meine Mutter konnte gar nicht genug kriegen. Ja, ja. Damals wussten die Frauen noch, wo ihr Platz war.“
Vorsichtig schiebe ich die Schachtel etwas näher zu Tante Herta hin. Ich will mir die Hände nicht schmutzig machen. „Willst du nicht mal ein Stück probieren?“
Tante Herta schüttelt vehement den Kopf. „Mein Magen.“
„Moni und Petra haben gestern den ganzen Tage gebacken“, plaudere ich los, in der Hoffnung, damit ihre Appetitnerven zu stimulieren. „Sie können es gar nicht mehr erwarten bis zur Bescherung. Ach, ich kann dir gar nicht sagen, wie lecker die Vanillekipferl schmecken. Sie haben das Rezept etwas abgeändert. Eine unheimlich köstliche Mischung…“
Meine Augen wandern durch die rustikale, düstere Küche. Kein Weihnachtsschmuck, stelle ich fest, keine Kerzen, kein Baum und nicht einmal ein Adventskranz. Wird mal wieder gespart?
Und dann schrillt es an der Tür. Ich blicke Tante Herta fragend an.
„Wer kommt denn jetzt?“, teilt sie mein Erstaunen und schlurft mit ihren Schlappen in den Flur hinaus. Die achtzig Jahre sind ihr anzusehen. Mager ist sie geworden, denke ich, mager und vor allem alt. Kein Wunder, wenn man da das Zeitliche segnet. Und das am 24. Dezember, welches Schicksal. Ich bin nicht umsonst Apothekerin geworden. Moni und Petra werden mir spätestens nächste Woche dafür dankbar sein. Oder hat die Anwaltskanzlei zwischen den Jahren geschlossen? Den neuen Wagen will ich mir unbedingt noch vor dem Jahreswechsel kaufen. Nein, ich möchte keinen Monat mehr länger warten. Tante Herta konnte schön und gut noch die Hundert erreichen und dann wäre ich bereits sechzig, meine Kinder längst erwachsen, geschwängert und in die Welt verzogen. Ich will es jetzt geniessen. Moni träumt von einer privaten Schauspielschule und Petra von einem Studium in den Staaten. Ich mache es also nicht einmal nur für mich, sondern aus purer Nächstenliebe. Und was erwartet sich Tante Herta denn noch vom Leben? Ein paar ereignislose Jahre in einem überfüllten Pflegeheim, das ihre Euros wie ein Nimmersatt Tag für Tag von ihren Konti frisst?
„Eine weihnachtliche Spende für das Wohlfahrtswerk“, höre ich zwei hohe Kinderstimmen von draussen. Und kurze Zeit später – da Tante Herta anscheinend nicht reagiert: „Wir sammeln für das Wohlfahrtswerk!“
Die armen Kleinen, denke ich, die werden das letzte Mal an Tantchens Tür geläutet haben.
„Ich bin eine alte Frau“, jammert in diesem Augenblick Tante Herta los, dass es mir im Magen zwickt. „Ich bin eine arme, alte Frau. Ich habe kein Geld. Die kleine Rente reicht nicht einmal für mich…“
Genüsslich ziehe ich eine hässliche Grimasse. Natürlich reicht die Rente nicht. Und die Millionen auf deinem Konto, die Immobilien in der Stadt, die Briefmarken im Speiseschrank und die Münzen unter deiner Matratze. Du bist eine alte, arme Frau, Tante Herta.
„Stille Nacht..“, singen die Kinder auf einmal los. Ich fahre zusammen. „Heilige Nacht…“
Ich mustere die prallgefüllte Keksdose, die einladend auf dem Tisch wartet. Dass man da widerstehen konnte. Bei der Alten musste mehr als eine Schraube locker sein. Mir kommt das 5. Gebot in den Sinn. Tante Herta klatscht wütend in die Hände. „Aus. Aus. Das tut einem ja in den Ohren weh!“
Die Kinder schweigen betreten. So etwas erleben sie heute bestimmt zum ersten Mal.
Vorweihnachtliches Mitleid lässt mich in den Flur hinaustreten. Die armen Kleinen, denke ich, die meinen es doch nur gut.
„Hallo“, murmle ich ihnen zu und blicke in vier verunsicherte Augen. Auf ihren Köpfen zwei niedliche selbstgestrickte Mützen. Zickzackmuster. Die Kleinere trägt einen hellblauen Anorak, die Grössere hat sich einen Schal mit einem Bärenemblem ungeschlungen. Meine Hand fährt in die Tasche, rührt im Durcheinander aus Lippenstift, Taschenspiegel und Kaugummis, bis sie eine abgetragene Ledergeldbörse an die Oberfläche bringt. Hastig klaube ich ein paar Euros raus und lasse sie in die Dose fallen, die die Kleine von den beiden mit ihren Fingern fest umklammert.
Tante Herta schaut mich böse an. „Die Frauen von heute haben immer Geld…“, lamentiert sie, „früher im Krieg, da hatten wir es nicht so gut, jeden Pfennig haben wir zwei, nein dreimal umgedreht…“ Dann schlägt sie sich mit der flachen Hand auf die Stirn. „Ach Gott, Schätzchen. Ich hab was für euch.“ Die Kinder und ich werfen ihr erstaunte, fassungslose Blicke zu. Tante Herta hat was übrig für bettelnde Kinder?! Das kann ja nicht wahr sein. Hat sie etwa doch noch Weihnachtssentimentalität gepackt? Tante Herta verschwindet in der Wohnung. Oder hat sie bloss Fieber?
Bald werden sich hier Studenten die Klinke in die Hand geben, male ich mir aus, mit Wohngemeinschaften konnte man sich in dieser Stadt ein goldenes Näschen verdienen. Ich hatte mich schon bei der Imobilienmaklerin schlau gemacht. So rein Interessenhalber, da man ja nie wissen konnte…
Die beiden Mädchen und ich tauschen gespannte Blicke aus. Zweite Klasse, schätze ich und vergleiche sie mit meinen Girlies. Ob sie wohl brav das Zimmer aufräumen? Sonst würde ich die Bescherung um eine Stunde verzögern. Und dazu zwei Tage Mtv-Verbot. In solchen Dingen konnte ich steinhart sein. Das hatte ich wohl von Tante Herta gelernt.
„Und habt ihr schon viel gesammelt?“, versuche ich mich in einer oberflächlichen Konversation. Die Mädchen nicken eifrig. In ihren Augen glaube ich weihnachtliche Vorfreude zu erkennen, eine neue Barbie und die neue Eminem-CD, die bei Moni zuoberst auf der Liste gestanden hatte. Nächstes Jahr würde ich sämtliche Hip-Hop-CDs besorgen, die je erschienen sind.
Ob ich ihnen nicht noch einen Schein geben sollte? Heute ist doch der 24. 12. Und in Kürze wären das lächerliche Peanuts für mich. Und karitatives Engagement hat doch noch nie geschadet.
Schon steht Tante Herta wieder in der Tür. Sie sieht zu kräftig aus für ihr Alter, fällt mir jetzt auf, und meine Mutter, ihre Schwester, war bereits mit sechzig verstorben. Wie schnell das manchmal gehen konnte. Gestern noch so frisch und heute schon aufgebettet. Genau so würde ich es nächste Woche vor der Kirche zum Besten geben, während ich mit einem Taschentuch in meinen Augenwinkeln herumwischte.
Verdattert erkenne ich die Keksdose in Tante Hertas Händen. Ich unterdrücke einen Schreckensschrei. Ein eiskalter Schauer jagt mir den Rücken hinunter. Unter meinem Make-up laufe ich kreidebleich an.
Die Kekse!, schrillt eine Alarmglocke in meinem Kopf. Rote Warnlichter leuchten vor meinen Augen auf. Panisch halte ich mich mit einer Hand am Türrahmen fest. Ein fassungsloses „Halt! Nein!“ entfährt mir. Doch da säuselt Tante Herta bereits: „Bedient euch! Bei mir vertrocknen die Dinger sonst nur. Mein Magen verträgt den Zucker nicht mehr. Aber als ich so klein war wie ihr…“
„Nein“, fahre ich energisch dazwischen und reisse Tante Herta die Schachtel aus der Hand. Jetzt bin ich diejenige, die wie eine Ausserirdische angestarrt wird. Als ob sich der Osterhase unterm Weihnachtsbaum verirrt hätte. Tante Herta vergisst vor Überraschung sogar ihren Mund zu schliessen. Ich begutachte stumm ihre Dritten. Als Kind hatte ich einmal Zahnärztin werden wollen. Zum Glück hatte ich mich für die Apotheke entschieden.
„Tante Herta, ich…“, stammle ich zusammen. „Moni und Petra haben sie extra für dich geba…“ Auf dem Friedhof beginnt Tante Hertas Denkmal in tausend Einzelteile zu zerbröckeln. Ich sehe wie die Ziffern 24 und 12 schon bedrohlich stark wanken. Unter der Mütze der Kleinen gucken ein paar blonde Locken heraus.
„Aber das müssen wir ihnen doch nicht auf die Nase binden“, flüstert mir Tante Herta ins Ohr. „Die beiden sehen so hungrig aus.“
Du hast dir doch noch nie Gedanken um leere Mägen gemacht, hätte ich am liebsten losgekreischt. Doch stattdessen murmle ich nur verständnislos: „Moni und Petra haben sich solche Mühe gegeben. Das kannst du ihnen nicht antun. Und die Vanillekipferl hast du doch so gerne?“
Tante Herta verdreht die Augen. „Aber es bleiben doch noch genug für mich übrig! Ich gebe ihnen ja nur ein paar Stück.“ Die beiden Mädchen drehen ihre Köpfe von der einen Frau zur anderen und dann wieder zurück. Schweissperlen auf meiner Stirn. Mein Atem geht schnell. „Tante Herta…“, versuche ich nochmals an ihre Vernunft, an ihren Menschenverstand zu appellieren, den sie irgendwo auf den Weg von Küche zum Flur verloren haben muss. Ich lege meine Hand auf ihre Schulter. Doch sie zieht sie energisch weg.
Seit wann ist Tante Herta nur so spendabel, fragt sich meine innere Stimme. Sonst kommt sie ja nicht einmal auf die Idee, ihr vertrocknetes Brot dem örtlichen Tierheim zu geben. In diesem Moment sehe ich, wie zwei Kinderhände gierig nach der Keksdose greifen. Und schon stecken sie das weihnachtliche Backwerk in ihre Zahnlückenmünder. Ich denke an die Millionen, an Euroregen, an die Apotheke und an Tante Herta und schliesslich an meinen raffinierten Plan, der mir irgendwann beim Bügeln in den Sinn gekommen war. Zucker klebt an den Kinderlippen. Ihre vollen Bäcklein bewegen sich auf und ab. Sie schmatzen gierig. Kleine weisse Särge schieben sich vor meine Augen. Und ich beginne wild mit den Händen herumzufuchteln.
Einen ganz lieben Dank an Stephan. Wir wünschen Dir eine schöne Vorweihnachtszeit und uns viele weitere so schöne Geschichten und Gedichten.
Wirklich mal etwas Anderes. Eine richtig schöne Geschichte
Erinnert mich an das Buch die Apothekerin…
wie Moni schon sagt – mal etwas anderes.. War spannend
bis zum Schluss.. Würde mich interessieren wie es
weiterging..
Gruss Anna