Der selbstaendige Gast im Backpacker Hostel
„Wir lieben den selbstständigen Gast“
Interview mit Carolina Kuhlmann (38), Gründerin und Vorstand des Backpacker Network Germany, dem Netzwerk der deutschen Backpacker Hostels in Deutschland
Sie waren sechs Jahre lang Chefin eines Backpacker Hostels in Hamburg. Waren Sie denn selbst auch einmal Gast in einem Hostel?
Klar, mit wachsender Begeisterung. Mittlerweile kenne ich an die dreißig Hostels zwischen Budapest und Brasilien aus Gästesicht. Jedes hat seinen ganz eigenen Reiz, mein Liebling ist aber immer noch Freiburg.
Kommen denn alle Gäste mit einem Rucksack ins Backpacker Hostel?
Nein, natürlich nicht, aber wer per Bahn, Flieger und Schiff um die Welt reist, hat praktischerweise eher den Rucksack auf als den schweren Koffer in der Hand – spätestens, wenn man das Gepäck ein paar Treppen ohne Fahrstuhl hoch wuchten muss, weiß man auch warum….
Der deutsche Jugendherbergsverband droht mit Gerichtsverfahren, weil manche Hostels sich als Jugendherberge bezeichnen. Worum geht’s da eigentlich?
In Australien, USA, Kanada wissen die Leute ganz genau, was ein „Hostel“ ist – hier in Deutschland aber kennen junge Reisende, die eine günstige Unterkunft suchen, nur Jugendherbergen. Allerdings haben sich europäische Jugendherbergsverbände unter anderem die Begriffe „Jugendherberge“ und „Backpacker“ als Marke rechtlich schützen lassen. Für die 55 Backpacker Hostels in Deutschland bedeutet das, dass sie damit eigentlich keine Werbung mehr machen dürfen. Allerdings fällt vielen jungen Reisenden zuerst die Jugendherberge ein, wenn sie eine billige Unterkunft brauchen und danach suchen sie dann auch im Internet. Die Kategorie Hostel dagegen ist noch weitgehend unbekannt – eine schwierige Situation für uns.
Und was ist nun der Unterschied zwischen einem Hostel und einer Jugendherberge?
In einer Jugendherberge gibt es feste Regeln, wer wo schläft, wann die Tür nachts abgeschlossen wird und wann das Essen auf den Tisch kommt. Das mag gut sein für Kinder und betreute Gruppenreisen, nicht aber für erwachsene Menschen. Wir kehren niemanden nach dem Frühstück vor die Tür, weil wir zum Putzen das Haus leer haben wollen. Niemand muss nach Hause kommen, wenn gerade draußen das Nachtleben losgeht. Und wir schreiben beispielsweise einem jungen Pärchen, das um die Welt reist und bei uns einen Zwischenstopp einlegt, nicht vor, dass sie nach links und er nach rechts gehen soll – bei uns dürfen sie in einem Raum schlafen. Bei uns gibt es keine Mitgliedsausweise und jeder Gast kann sich bei uns frei bewegen.
Zweierzimmer gibt es doch auch in einer Jugendherberge?
Ja, aber dort ist schnell Schluss mit gemischtgeschlechtlicher Unterbringung. Wir vermieten nicht zimmerweise, sondern bettenweise und zwar auch in Schlafsälen, so genannten „dorms“, mit sechs oder acht oder 25 Betten. Je mehr Betten im Zimmer stehen, desto preiswerter wird die Übernachtung für den Gast.
Das klingt nach ziemlich viel Jubeltrubel…
Es geht. Was Einzelreisende sehr schätzen ist, dass sie bei uns nicht umzingelt sind von aufgeregten Schulklassen wie in klassischen Jugendherbergen. Die meisten Hostels beherbergen grundsätzlich keine Gruppen. Wir wollen, dass sich die Leute bei uns begegnen können, ohne dass jemand an den Rand gespielt wird. Es gibt viele Reisende, die sich nicht im Einzel- oder Doppelzimmer wegschließen wollen, sondern die eine Herberge suchen, in der sie mit anderen ins Gespräch über Gott und vor allem die Welt kommen. Selbst in den größeren Hostels ist die Atmosphäre eher familiär. Kontakte kommen also sehr schnell zustande, sei es im Schlafsaal, im Aufenthaltsraum oder in der Küche beim Abwaschen.
Beim Abwaschen? Ihre Gäste machen wohl alles selbst?
Nicht alles, aber es stimmt schon: Wir lieben selbstständige Gäste. Und die versorgen sich eben selbst, beziehen ihre Betten, kochen für sich oder auch gemeinsam mit anderen, spielen was zusammen. Genau das suchen die Leute ja auch. Und wir bieten den Raum dafür.
Und das finden auch alle gut?
Naja, besonders für viele unserer deutschen Gäste ist es leider noch gewöhnungsbedürftig, selbst mitdenken und –helfen zu sollen. Einige fühlen sich schlecht behandelt, wenn eine Angestellte nicht gleich springt und ihnen das angewärmte Handtuch bringt. Ich habe keine Ahnung woran das liegt, aber die Gäste aus anderen Ländern sind da weitaus lockerer, was nicht heißt, dass sie weniger anspruchsvoll sind.
Ist das auch eine Frage des Alters?
Das glaube ich nicht. Es sind zwar insgesamt mehr junge als alte Leute, die sich auf den Weg machen und dabei in Hostels übernahchte. Aber es kommen auch immer wieder sehr betagte Gäste zu uns. Ins Hamburger Hostel Instant Sleep reist regelmäßig eine ältere Dame aus japan, um sich hier in der Stadt mit jemandem zu treffen. ein 95 jähriger Amerikaner war drei Wochen lang bei uns. Soll heißen: Auch alte Menschen mögern diese Art unterzukommen. Und es gibt natürlich menschen, die mit kleinen Kindern anreisen und es gut finden, dass die Kiddies sich im Hostel frei bewegen können, ohne dass sich gleich jemand beschwert.
Warum sind Backpacker Hostels beim deutschen Publikum noch nicht so bekannt?
Die Idee selbst kommt aus Australien und ist im ganzen angelsächsischen Bereich sehr beliebt. In Deutschland gibt es erst seit Anfang der 90 er Jahre Backpacker Hostels. Irgendein Reisender fand die Idee toll und hat sie quasi importiert. Mit günstigen Pensionen, Hotels und Jugendherbergen gab es ja schon viele Übernachtungsmöglichkeiten auch für internationale Gäste, aber dieses spezielle Angebot das ide Gäste lieben und suchen, musste sich erst mal warmlaufen. Wir sind eine neue Branche. Insgesamt haben wir 3000 Betten in ganz Deutschland in kleinen und großen Häusern.
Sie haben 1999 das Instant Sleep in Hamburg eröffnet und wollten gleich alle Hostels in Deutschland miteinander vernetzen. Warum?
Als mir meine Geschäftspartnerin damals das Projekt vorstellte, sagte sie, das „Instant Sleep“ solle eine Perle in der Perlenkette der Hostels sein. Da hab ich begriffen: Es gibt nicht nur uns. Wir können voneinander lernen. Uns was abgucken. Man muss das Rad ja nicht immer neu erfinden. Und außerdem bin ich eine Herzblut-Netzwerkerin.
Und alle waren gleich alle genauso Feuer und Flamme wie Sie?
Ganz und gar nicht. Ich bin anfangs ziemlich auf die Nase gefallen. Keiner hat mein Ansinnen verstanden. Vor allem in Berlin war die Konkurrenz unter den größeren Häusern gewaltig. Von Netzwerken konnte keine Rede sein. Aber steter Tropfen höhlt den Stein: Ein paar Jahre später kam das Thema wieder aufs Tablett und mittlerweile haben sich 40 Hostels im deutschen Netzwerk zusammen getan. In Schottland und in der Schweiz gibt es ähnliche Zusammenschlüsse. Mein Traum ist, dass wir ein großes Netz knüpfen können, in dem sich zumindest alle europäischen Länder zusammentun. Immerhin ist es schon gelungen, mit Gomio ein Buchungssystem zu schaffen, von dem die Hostels profitieren und nicht irgendwelche Großkonzerne oder Banken. Wir alle führen unsere Hostels privat und wollen unsere Geschäfte weitestgehend in den eigenen Händen behalten.
Der Austausch von Informationen ist ja im Grunde auch ein Prinzip Ihrer Gäste untereinander …
Genau. Backpacker Reisende erzählen sich gerne, was sie erlebt haben, wo auf der Welt es besonders schön ist, wie sie unangenehme Situationen umschiffen konnten. Auf alle Fälle ist da immer wieder eine große Lust zu spüren, mehr voneinander zu erfahren, vielleicht sogar voneinander zu lernen Auch wenn das manchmal heißt, sich mit großen Augen zu bestaunen, zum Beispiel, wenn junge Hippiereisende auf eher bodenständige Handwerker treffen, die im Hostel untergekommen sind. Da begegnen sich Welten. Aber so soll es ja auch sein.
Wird die Linie zwischen den Welten denn auch mal überschritten?
Klar. Da sitzen dann die Bauarbeiter mit anderen Gästen beim Gesellschaftsspiel. Oder in der Küche rufen sich auf einmal alle zu, wie dieses oder jenes Lebensmittel in ihrer Sprache heißt Solche Begegnungen über die Grenzen hinweg gibt es unzählige.
Und die laufen auch problemlos ab?
Das Tolle ist ja, dass die meisten Backpacker gewohnt sind, Probleme untereinander zu regeln, ohne gleich die Herbergsmama zu holen – zum Beispiel, wenn jemand zu laut ist.
Was heißt Netzwerken bei Ihnen?
Wir treten als Backpacker Hostel-BetreiberInnen gemeinsam auf und sind dadurch stärker. Wir tauschen uns aus über Probleme und wie sie sich lösen lassen. Wir sind ein bunter Haufen von verschiedenen Menschen und ich denke, jeder kann Erfahrungen und Know-How beisteuern, so dass alle davon profitieren können. Zum Beispiel kämpft jeder einzelne von uns mit Ämtern und Behörden um Zulassungen und Vorschriften. Der Witz ist ja, dass es die Kategorie „Backpacker Hostel“ in den Behördenköpfen und den Vorschriften gar nicht gibt. Für die Behörden ist diese Art des Reisens neu und des Übernachtens vollkommen neu. Dass mehrere Menschen in einem Schlafsaal schlafen, dass es Gemeinschaftsduschen gibt, aber keine Tiefgarage, dass es nicht in jedem Zimmer fließendes Wasser oder Teppichboden gibt – das passt nicht ins Schema F der Behörde. Da muss man ihnen erst mal verklickern, dass das Haus weder ein Asylantenheim noch ein Puff werden soll. Jedes Hostel kann ein Lied davon singen, welche dusselige Bestimmungen es gibt. Und gemeinsam können wir dann über Lösungen reden oder aber einfach nur mal ablachen über all die bürokratischen Absurditäten.
Vor drei Jahren haben Sie dann den Verein „Backpacker Network“. Sowas gab es bislang noch nicht.
Für unser Netzwerk war es genau das richtige. Viele von uns kommen aus anderen Branchen oder haben noch nicht im Beherbergungsgewerbe gearbeitet. Über Personalführung, Auslastung, Kalkulation, Statistiken, Buchführung und Werbung wissen nicht alle gleichermaßen Bescheid. Wir bilden uns gegenseitig weiter, organisieren Regional- und Jahrestreffen, um uns auszutauschen. Das Hamburger Büro ist Anlaufstelle für Hostels, die Beratung brauchen, aber auch für Immobilienfirmen, die anrufen und uns neue interessante Objekte für neue Hostels anbieten. Wir werben gemeinsam mit unserem Pocketguide, einem kleinen Prospekt, in dem alle Hostels sich präsentieren, in anderen europäischen Partnerhostels und haben im Internet eine eigene Seite. Gemeinsam kriegen wir mehr auf die Reihe, als wenn wir nur Einzelkämpfer bleiben. Das schafft auch Freiräume. Denn im Tagesgeschäft hat man so viele Dinge zu beschicken, da darf man nicht vergessen, dass es in unseren Hostels nicht nur um Bürokratie, Finanzen und Organisation geht, sondern in erster Linie um Gastfreundschaft und um Begegnung.
Interview: Tina Fritsche
BACKPACKER NETWORK DEUTSCHLAND
Mehr Informationen unter
www.backpacker-network.de

Das klingt nach einer echten Alternative zu “normalen” Hotels, habe ich es richtig verstanden, dass hier jeder unterkommen kann? Oder gibt es eine Altersbeschränkung? Wer kennt sich mit solchen Unterkünften aus? Hat hier jemand bereits Erfahrungen?
Gruß Heike
Diese Hostels sind echt klasse. Seit Jahren mache ich nur in solchen Unterkünften station. Nette Leute, eine ungezwungene Atmosphäre und fast immer ein entsprechendes Preis-Leistungsverhältnis. Klar, es gibt auch hier schlechte und sehr gute. Wir überall. Aber mein Fazit. Durchweg positiv.
Nina
Diese Urlaubsvariante macht sogar mit Kinder richtig Spaß. Wir können nur gute Erfahrungen weiter geben. Niemand der permanent an den Kinder rum-motzt, sie dürfen sich bewegen und preislich kann man sich auch “nebenbei” mehr Freizeit im Urlaub leisten.
Wer aber Wellness Urlaub sucht ist hier komplett falsch