Aufmüpfigkeit, Zivilcourage oder Gerechtigkeitssinn?
“Sie sind der aufmüpfigste Lehrling, den ich je hatte.” Das waren die Worte eines Vorstandsmitglied der Freiburger Volksbank, wo ich vor vielen Jahren meine Lehre zur Bankkauffrau absolviert habe. Die Worte galten mir und wurden von dem älteren Herrn mit väterlich-wohlwollendem Lächeln ausgesprochen.
Ja, ich war aufmüpfig. Aufmüpfig in Situationen, in denen ich mich ungerecht behandelt fühlte. Und das war damals oft der Fall. Damals wurde ein Lehrling von manchen Zeitgenossen als Laufbursche angesehen und mit Boten-Aufgaben beauftragt, die mit dem Lehrinhalt so gar nichts zu tun hatten. Grundsätzlich hatte ich nichts dagegen, jemandem einen Gefallen zu tun und Botendienste zu übernehmen. Voraussetzung allerdings war, dass ich freundlich darum gebeten wurde. “Bringen Sie dies oder jenes … dort … hin.” Solchen Aufforderungen gegenüber war ich taub. Ohne das Wörtchen “bitte” und einen freundlichen Gesichtsausdruck lief gar nichts. Und so mancher Abteilungsleiter wurde zum Vorstand zitiert, weil ich mich über ungerechte Behandlung beschwert hatte.
Ja, ich war wirklich aufmüpfig, aber nie ohne Grund.
Diese Aufmüpfigkeit zieht sich durch mein Leben wir ein roter Faden. Ich würde sie allerdings anders bezeichnen, nämlich als Gerechtigskeitssinn. Aus diesem Gerechtigkeitssinn heraus habe ich mich immer auf die Seite der Schwachen gestellt. Ob das eine alte Frau war, die von Jugendlichen angepöbelt wurde, ob das Hunde waren, die von ihrem Besitzer geschlagen oder an der Leine übers Pflaster geschleift wurden, ob das Kinder waren, die von anderen Kindern provoziert wurden … ich habe mich eingemischt. Verbal. Laut und unmissverständlich gab (und gebe ich) meine Meinung von mir. Und ich denke, meine Entschlossenheit war für jeden offensichtlich. Vielleicht bin ich deshalb nie in eine körperliche Auseinandersetzung verwickelt worden. Vielleicht hatte ich aber auch nur Glück.
Der 50jährige Mann, der in München an einem S-Bahnhof Zivilcourage zeigte, hatte dieses Glück nicht. Er wurde erschlagen. Und rund fünfzehn Menschen haben zugeschaut. Tatenlos. Fünfzehn Menschen! Sie schauten zu, wie der Mann, der fremde Kinder vor Gewalt aggressiver Jugendlicher schützen wollte, zu Tode geprügelt wurde.
“Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.” So lautet der Paragraph 323c des STGB. Zumutbar – das ist natürlich ein weiter Begriff. Was ist zumutbar und was nicht? Das wird wohl niemand konkret beantworten können, denn es kommt immer auf die Umstände an.
Ich war in München-Solln nicht dabei und weiß nicht, was im Detail abgelaufen ist. Aber es macht mich betroffen, dass ein Mann, der Zivilcourage zeigte, sein Leben lassen musste. Es macht mich betroffen, dass niemand ihn unterstützt hat. Woran lag es? Hatten die anderen Menschen Angst? Kann durch aus sein. Aber vielleicht dachten sie auch, dass sie die Sache nichts angeht und haben angenommen, dass die Auseinandersetzung sich in Luft auflösen würde. Dass die Jugendlichen nach ein paar Schlägen aufhören und sich verziehen würden. Das haben sie aber nicht gemacht. Sie haben solange zugeschlagen, bis ihr Opfer bewusstlos am Boden lag. Dann sind sie geflüchtet. Aber nicht weit. Aus dem Gebüsch haben sie zugeschaut, wie die Sanitäter versuchten, das Opfer zu retten. Aber es war zu spät.
Warum junge Menschen derart viel Aggressivität in sich tragen, dass sie einen unschuldigen Menschen zu Tode prügeln, steht auf einem anderen Blatt. Da spielen vermutlich familiäre Hintergründe eine Rolle. Aber dass Menschen nicht eingreifen und zu Hilfe eilen, wenn ein anderer in Not ist, hängt vielleicht auch damit zusammen, dass in unserer Gesellschaft etwas immer mehr verkümmert, und das ist soziale Verantwortung. Dazu gehören unter anderem Anteilnahme, Rücksicht, Aufmerksamkeit und Interesse. Wir brauchen einander. Jeder von uns braucht den anderen. In schlechten Zeiten aber auch in guten Zeiten. Vielleicht sind die Zeiten zur Zeit zu gut. Vielleicht geht es uns zu gut. Manchmal kommt es mir so vor. Die Lokale sind voll, die Supermärkte sind voll, die Flughäfen sind voll, Autobahnen und Straßen ebenfalls. An Geld mangelt es den meisten von uns nicht. Vielleicht sollten wir uns hin und wieder besinnen. Besinnen auf andere Werte als materiellen Besitz. Auf Freundschaft, Beziehung und Familie zum Beispiel. Denn das sind Werte, auf die wir nicht verzichten können, ohne die wir nicht (über)leben können.
Und deshalb geht es uns sehr viel an, wie es dem “Nachbarn” geht, dass es ihm gut geht. Ein Nachbar ist für einen Moment auch der Fremde im Bus neben mir, der Fremde im Wartezimmer beim Arzt, der Fremde auf dem S-Bahnsteig…
geschrieben von Renate Blaes

Gut das in unserer leider so schnelllebigen Zeit auch ohne direktes Ereignis an das Thema Zivilcourage erinnert wird.
Denn einen “Herrn Brunner” gibt es öfter, wenn auch nicht unbedingt mit diesen Folgen – glücklicher Weise
Wenn jeder seinen normalen und gesunden Menschenverstand einsetzen würde, hätten wir diese Fragen nicht…
Wenn jeder seinen normalen und gesunden Menschenverstand einsetzen würde, hätten wir diese Fragen nicht…
Gut das in unserer leider so schnelllebigen Zeit auch ohne direktes Ereignis an das Thema Zivilcourage erinnert wird.
Denn einen “Herrn Brunner” gibt es öfter, wenn auch nicht unbedingt mit diesen Folgen – glücklicher Weise